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Also hier stelle ich ein paar Berichte vor, die ich zwar nicht selber geschrieben habe, aber die mir entweder intressant oder witzig vorkommen.!!!!!!!

 

also dieser Bericht ist wie ich finde ziemlich intressant und informativ aber auch verdammt witzig!!!

 

Birgit Richard

Schwarze Netze: Eine klassische Subkultur mit medialen Extensionen, die Gruftie bzw. Gothic Punk Szene

Die Subkultur der Grufties, wie sie im deutschen Sprachraum genannt wird, entsteht Anfang der 80er Jahre in Großbritannien. Sie ist eine Weiterentwicklung der düsteren, resignativen Seite von Punk und New Wave, im musikalischen Bereich "Dark Wave" oder "Doom" genannt. Auffällig sind die vielen gleichberechtigt nebeneinander existierenden Bezeichnungen für den Stil. Die Grufties selbst benennen die "gothic novels" der Romantik als Bezugspunkt, was sich an der englischen Bezeichnung "Gothic Punk" ablesen läßt. Sie sich nennen sich auch gerne die "Schwarzen". Der Begriff "Gruftie" ist vom Motiv der "Gruft" abgeleitet. Er ist keine stolze Abgrenzung gegenüber dem Normalbürger, sondern eine Art Stigma. Die Selbstbezeichnung erweist sich als problematisch, also soll in den 90er Jahren im Internet der nicht ganz ernst gemeinte Gothcode 1.1. (ähnlich einem Programm mit Updates) die Bekanntschaft mit anderen "Schwarzen" im Netz erleichtern. Das Gegenüber kann anhand von Kürzeln entschlüsseln, wie ein anderer Gothic sich selbst einordnet. Es gibt z.B. den "Jammergoth. Das Leben ist eine permanente Existenzkrise - gleichzeitig wägst Du ab, worüber Du Dich mehr aufregst: den ausufernden Konflikt in Bosnien, ..., die Vergänglichkeit der Dinge" oder den "Schüchternen Goth: Bitte, guck mich nicht an...;Ich hoffe, die reden nicht mit mir..." Andere Arten sind Muntergoth, Grantelgruftie. Sarkigoth, Der-Goth-der-nur-noch-dahinvegetiert.

Die melancholische Befindlichkeit der "Schwarzen"

Die große Akzeptanz des Internets enthält auch den Hinweis darauf, daß die Grufties kein "street style" sind: Öffentlicher Raum ist nicht existentiell wichtig für die Präsentation des Stils. Treffen finden in der Privatsphäre oder an abgeschiedenen Orten wie dem Friedhof statt, wo man nicht gestört wird.

In die "schwarze Szene" gelangt man, wenn ein bestimmtes Lebensgefühl artikuliert werden soll: Einsamkeit, Isolation, fehlende Zuwendung und Kommunikation, Schul- und Identitätsprobleme und Enttäuschung in den ersten Liebesbeziehungen. Helsper nennt als weiteren Grund die grundlegende Fremdheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern in der Familie. Der Stil ist außerdem gegen stark kontrollierte Strukturen gerichtet, wie man sie noch oft in Kleinstädten und in Dörfern antrifft. Er wird fernab von Eltern und Schule, die keinen Halt mehr bieten, zu einer sozialisatorischen Reproduktionsinstanz. Die individuelle Existenz erhält ein Forum und eine symbolisch- kulturelle Artikulationsmöglichkeit zur imaginären Bewältigung der Probleme und der Zweifel am Sinn des Lebens. Introvertierte Trauer und Melancholie, die auf subjektiv erlebten und kollektiv geteilten Enttäuschungen aller Mitglieder basieren und zur Verarbeitung der resignativen und pessimistischen Lebenseinstellung führt, sind kennzeichnend. Es bildet sich ein Netzwerk der Einsamen, die ihren starken Kontaktwunsch zu Gleichgesinnten auch an bestimmten Treffpunkten, wie den "schwarzen" Discos, realisiert, wobei dort eher der Eindruck entsteht, daß die Isolation gepflegt wird.

Auch das Internet bietet sich als neues Kommunikationsmedium an, um die individuelle Isolation durch internationale Verbindungen punktuell aufzuheben. Die schon vorhandenen materiellen "schwarzen Netze", entstanden durch Fanzines und Festivals, werden medial erweitert. Im WWW besteht die Möglichkeit der direkten Kommunikation und des Informationsaustauschs (z.B. Konzert- und Platteninfos, Gothic Clubs und Szene-Boutiquen, Filme, Comics, Bücher, Gedichte und Online Spiele) mit Gleichgesinnten, die unabhängig von räumlicher Nähe ist. Das für die Grufties entscheidende Strukturmerkmal ist der "link", die Verbindung zu anderen Gothic-Seiten (z.B. Death Homepage (1995), the Darkening Of the Light, The Dark Side (alle September 1996), der garantiert, daß eine permanente Verbindung zu anderen "Schwarzen" in aller Welt aufrechterhalten werden kann.

Das Netz transportiert auch die Wertvorstellungen des Stils, wie z.B. die wichtigen stilinternen Tabuisierungen: Eine davon betrifft den "Gool", den Totengräber, der auf dem Friedhof Gebeine ausgräbt, um sich oder sein Zimmer damit zu schmücken. Dieser sich größter medialer Beliebtheit erfreuende Typ, der durch Grabrituale und nekrophile Aktivitäten auffällig wird und als Inbegriff des Gruftie-Stils wahrgenommen wird, erfährt innerhalb der Szene starke Ablehnung. Das Ausgraben von Leichenteilen stellt für die Grufties eine nicht mehr tolerierbare Nähe zum Tod dar, weil der direkte Eingriff in den Bereich der Toten den nötigen Respekt vermissen läßt. Diese Extremgrufties, die nur noch nachts die Wohnung verlassen, keine Disco mehr besuchen, haben die stilkonstituierenden, existentiell wichtigen sozialen Kontakte zur Verarbeitung ihrer todesnahen Grundstimmung aufgegeben.

Es bildet sich der Mythos einer verbotenen Zone der schwarzen Kultur. Die für Außenstehende unerreichbare Person des "Gool", ist trotz vehementer verbaler Ablehnung ein Faszinosum der Szene. Sie steht für die Existenz des realen Todes, während der Rest der Szene den Tod stilisiert. Die Ablehnung dieser Praktiken hält die gruppenspezifische Todesfaszination in Grenzen. Das zweite Faszinosum der Szene, das so verarbeitet wird, ist der Selbstmord. Der Suizidgedanke ist vertraut, wird aber nicht als Lösung der eigenen existentiellen Probleme akzeptiert, sondern als eingestandenes Scheitern an den eigenen Gefühlen von Verlust, Tod und Trauer ausgelegt. Daher sind die Gothics keine Subkultur des Todes, die ihre Mitglieder in den Suizid treibt, wie es Medien und Politiker behaupten, sondern das Gegenteil davon: ein Versuch, sich mit der eigenen Einsamkeit und Todesnähe kritisch und zusammen mit anderen auseinanderzusetzen. Sie entwickeln mit dem Bewußtsein, daß sie hier und jetzt leben und ihre Probleme bewältigen müssen, eine andere Beziehung zum eigenen Tod, da sie die große Angst anderer Menschen vor dem Sterben überwunden haben.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Stils ist die Beschäftigung mit Religion. Mithilfe des Verfahrens der "Religionsbricolage" (Helsper) verarbeiten die Grufties Elemente christlicher, und der Religion anderer Ethnien und okkulte Traditionen. Letztgenannte sind für die Grufties deshalb attraktiv, weil sie mit einer anderen Zeit, d.h. mit einer anderen Zivilisationsstufe verbunden sind. Eine von anderen Gesellschaftsteilen als irrational abgestempelte Symbolik kann die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche und der durchrationalisierten modernen Zivilisation ausdrücken.

Die reflexive Auseinandersetzung mit religiösen und okkulten Traditionen mündet nicht in eine okkulte Gruftiereligion. Das Gegenteil ist der Fall: Es wäre widersprüchlich, wenn sich die Grufties nach ihrem stilistischen Ausbruch aus der dörflich- religiösen Eingleisigkeit wieder freiwillig in ein sie einengendes, geschlossenes System begeben würden. "Hauptglaubensinhalt" ist nicht, wie von den Medien behauptet, der Glaube an den Satan oder einen Gott - man kann die Grufties eher als atheistisch bezeichnen - sondern an den Tod als eine übergeordnete Macht, der sich kein Mensch entziehen kann. Die Religionsbricolage schafft eine Art privater Todesreligion, die an den Tod erinnert, aber keine tröstende, das Individuum entlastende Funktion hat.

Bausteine schwarzen Stils

Der Gruftie- Stil erstreckt sich bei seinen exponierten Vertretern auf das gesamte Lebensumfeld: Zimmer, Kleidung, Frisur, Musik, Tanz, Orte, Räume, Medien (Fanzines -Zeitschriften-, Internet). Das WorldWideWeb versetzt die Grufties in die Lage Musik und Bilder von den verehrten Bands wie Sisters of Mercy, Cure, Alien Sex Fiend, Ann Clarke, Skinny Puppy, Fields of the Nephilim, Christian Death, Current 93... von Generation zu Generation weiterzutransportieren.

Das Epizentrum des Stils ist wie bei allen Subkulturen, die Musik. Aus allen Bereichen der Independant Musik werden die Beispiele mit traurigen oder finsteren Texten bzw. musikalischen Strukturen herausgefiltert, die mit dem melancholischen Lebensgefühl übereinstimmen. Neben Punk und Electronic Body Music-Elemente treten Klangcollagen aus Alltagsgeräuschen, Zitaten aus religiösen Zusammenhängen (Gregorianische Gesänge oder Instrumente wie Kirchenorgeln), Cembaloklängen und selbstgebaute Musikinstrumente aus Knochen.

Die Beschäftigung mit Texten, die um unerfüllte Liebe, Tod, Religion kreisen, dient als Ventil, um existenzgefährdende Depressionen unschädlich zu machen. Eine Gruppe wie Joy Division gilt als besonders authentisch, weil sich die depressive Grundstimmung des Sängers Ian Curtis, der aus unglücklicher Liebe Selbstmord beging, in Texten und Musik niedergeschlagen hat.

Der absolut passive Anti-Tanz der Grufties ist eine meditative Konzentration der Energien auf das eigene Innere, ein Rückzug ins innere Exil. Die autistische Tanzform, sie erinnert an Bewegungen Frankensteins, wird von Spöttern auch Nord-Süd-Kurs genannt. Sie besteht in monotonem taumelnden Hin- und Hergehen auf einer imaginären Linie, ohne Rücksicht auf den Takt der Musik. Mit einer körperlichen Aktivität, einem Ausleben von Energien und Aggressionen, wie beim Pogo der Punks, oder einer Selbsterfahrung des Körpers, wie bei den Hippies, haben die Körperbewegungen nichts zu tun.

Vampire, Mönche und Hexen: Schwarze Outfits

Die Zimmer der "Schwarzen" sind besonders gestaltet, z.B. durch kleine Altäre, auf denen Accessoires wie Grabschleifen, Kreuze, Grableuchten, Kerzen, Schädel arrangiert werden.

Stiftetuis in Sargform sollen als benutzbare Alltagsgegenstände Tod symbolisieren, um sich der eigenen Vergänglichkeit bewußt zu sein. Schwarz ausgeschlagene Höhlen mit Grabstein-Wänden, sind für die Szene schon extrem und werden teils belächelt, teils bewundert. Dagegen wird man, entgegen anders lautender Medienberichte, Särge als Betten oder die Leiche vermissen. Das Zimmer soll die finstere, todesnahe Atmosphäre des Friedhofs nachstellen oder eine schutzspendende Höhle vor einer bedrohlichen Außenwelt sein. Die Accessoires zeugen auch vom Spaß am Umgang mit Dingen, die bei anderen Menschen ein unbehagliches Gefühl verursachen.

Sehr außergewöhnlich und aus dem heutigen, vielseitigen Modespektrum hervorstechend, ist die sehr homogen gestaltete Kleidung der "Schwarzen", die an Figuren aus vergangenen Jahrhunderten erinnert. Der Kleidungsstil der Grufties entspricht nicht dem "confrontation dress" des Punk, das provozieren soll. Er schockiert natürlich trotzdem, eine Auseinandersetzung ist aber unbeabsichtigt.

Die Distanzierung der Grufties ist erfolgreich: Die den Stil dominierende Farbe Schwarz ist primär mit Alter, Tod, Verlust und Trauer verknüpft. Zu einer Zeit, wo der Punk für die Kleidung alle Farben - wie z.B. die Neonfarben - möglich gemacht hat, wird bewußt eine bedeutungsbeladene Farbe als Abgrenzung von einem sorglosen, durch Oberflächlichkeit und Konsum geprägten Leben, gewählt.

Die Grufties bündeln die ihnen vertrauten, unterschiedlichen kulturellen Bedeutungsstränge der Farbe. Schwarz ist für sie der Ausdruck eines Gefühls von Leere und Sinnlosigkeit und ein Symbol für Verzweiflung und Resignation. Weitergehend drückt es Trauer über den möglichen Untergang der Menschheit aus, gegen den die Grufties als Individuen machtlos sind. Die Farbe verweist außerdem auf die selbstgewählte asketische Weltabgeschiedenheit der Mönche.

Der zentrale Bedeutungsstrang des Schwarz steckt für die Grufties in der Symbolisierung des unabwendbaren Todes. Die "Schwarzen", wie sie sich bezeichnenderweise selbst nennen, befördern neben der nekrophilen Komponente der Farbe auch die traditionelle Symbolisierung des Bösen und Negativen, die zu positiv besetzen Idealen werden.

Die Grufties stellen das Schwarz, das eigentlich für die zeitlich begrenzte, rituelle Lebensphase der Trauer gedacht ist - also eine Sonderstellung unter den Farben einnimmt - in ihren alltäglichen Kontext. Es ist zeitlich, örtlich und situativ vom bestimmten Zweck entbunden und erfährt als entscheidendes Stilmerkmal eine Generalisierung auf alle Lebensituationen.

Den Kontrast zum Schwarz bildet die silberne Farbe von Metallbeschlägen bzw.- verzierungen, antiquisierenden Ornamenten und floralen Motiven wie der Rose oder von Todessymbolen wie dem Schädel. Sie tritt in Accessoires und an der Kleidung auf, wie an den spitzen, schmalen "mittelalterlichen" Schnabelschuhen, die mit silbernen Totenkopf- oder Fledermausschnallen bestückt sind.

Der Gruftie-Stil ist akkumulativ, Gürtel, Armbänder, Ohrringe, Schnallen treten nie in einfacher Form auf. Die Kleidung ist außeralltäglich und das Gegenteil davon, was man sich unter bequemer Alltagskluft vorstellt. Außerdem zeigt sie eine distanzierte Haltung zum eigenen Körper an. Kleidungsstücke wie weite Umhänge, Überwürfe, Schals, Draculacapes, Mönchskutten und Priestergewänder, türkische Hosen bei den Männern erlauben keinen Rückschluß auf den verhüllten Körper. Seine sonst gesellschaftlich so bedeutenden sexuellen Merkmale stehen nicht im Mittelpunkt des Stils, da das Erotische leidenschaftlich auf den Tod bezogen wird.

Der Stil bringt keine aggressive Körperbezogenheit zum Ausdruck. Die auf dem Prinzip des Risses bzw. der Häßlichkeit aufbauende Punk-Ästhetik hat hier keine Bedeutung. Eine poetische Inszenierung bringt männliche und weibliche "schöne" Todesengel nach romantischen Idealen des 19.Jahrhunderts hervor. Die bevorzugten Materialien für Kleidung und Accessoires sind traditionelle, "natürliche" Stoffe wie Spitze, Samt oder Seide, seltener Leder, Lack oder Gummi, die für eine harte Sexualität stehen.

Die in vier Grundformen auftretende Haartracht ist ein wesentliches Erkennungszeichen der Grufties. Die markanteste Frisur ist der "Teller", (auch Tellermine oder Tellerschädel genannt). Die Grufties sprechen davon "sich den Teller zu machen": Die Deckhaare werden mit Unterstützung von Unmengen von Haarspray zu einem tellerartigen, flachen Gebilde geformt. Eine andere Frisur ist vom Irokesenschnitt der Punks abgeleitet, die Haare sind meist länger und werden hochtoupiert. Man findet auch die Waverfrisur, mit hochstehendem oberen Deckhaar und seitlich und hinten sehr kurzen oder wegrasierten Haaren. Diese Formen werden eher von den männlichen Grufties getragen.

Frauen bevorzugen schwarze, lange, strubbelige "Hexen"-Haare, die extrem toupiert sind. Im Internet kann man im Gegensatz zu den Fanzines, auch praktische Tips finden, wie man das Haar "gothicmäßig" toupiert und schwarz färbt oder sich "Tot malt", indem man schwarzen Kajal, Lippenstift und Nagellack gegen ein kalkweißes Gesicht setzt. Diese "tote" Schminkweise oder das "Totrumlaufen", wie es Grufties beiderlei Geschlecht betreiben, ergibt das symbolische Gesamtbild von Toten mit lebendigem Körper oder von Vampiren, also von Gestalten, die nicht von dieser Welt sind. Die Schminkweise nimmt das Schicksal des zukünftig Toten vorweg und soll die Solidarität zu den Toten ausdrücken.

Alltagskleidung und Schminke der Grufties repräsentieren aufgrund der verwendeten Materialien, Farben und der Kleidungsschnitte die permanente Feier des Todes und der Trauer.

Schwarze Kunst : Ankh, Fledermaus und Ruine

Schmuckmotive und Symbole stammen im wesentlichen aus drei eng miteinander verknüpften Bereichen: Tod und Vergänglichkeit des Körpers, christlichen bzw. Religionen aus anderen Kulturkreisen, Magie.

Da die Grufties alles fasziniert, was mit dem Tod zusammenhängt, sind folglich ihre liebsten Schmuckmotive Totenschädel, Skelette, Knochen. Letztgenannte werden, wenn sie als realer Gegenstand an der Kleidung auftreten, zum materialisierten memento mori, zur persönlichen Reliquie.

Die verwendete religiöse Symbolik umfaßt wenige Accessoires wie Kreuze, Davidstern, Ankh (ägyptisches Zeichen) oder das Pentagramm. Das provokanteste Symbol ist das umgedrehte Kreuz, kulturhistorisches Zeichen für Satanismus, der Rituale des Christentums in ihr Gegenteil verkehrt. Hier dient es als Unterscheidungsmerkmal vom normalen christlichen Symbol, ist gleichzeitig Provokation und diffuse Kritik an Religion und Kirche.

Auch bei der Anlehnung an traditionelle religiöse Symbolik hat das Kreuz verschiedene Bedeutungsebenen: Es steht für einen entinstitutionalisierten christlichen Glauben, ist eine Art von Schutzamulett gegen das Böse oder nur Schmuckmotiv. Neben Skeletten und Totenköpfen verweist das Kreuz auf Leid und Vergänglichkeit.

Das Schmücken mit religiösen Accessoires aus anderen Kulturen und Zeiten ist gegen das Primat einer einengenden christlichen Lehre gerichtet. Mit diesem Säkularisierungakt erobern die Grufties die letzte Bastion feststehender Symbole für die Bricolage. Diese besteht nicht in einer radikalen Umcodierung christlicher Zeichen, sondern in der Eröffnung neuer Bedeutungsdimensionen durch das Zusammenspiel mit anderen Zeichen.

Im Grenzbereich zwischen Leben und Tod ist das Phänomen des Wiedergängers, des Untoten der wiederkehrt, z.B. der bleiche, blutsaugenden Vampirs, angesiedelt. Die Grufties stilisieren sich zu Wesen, die die Welten zwischen Leben und Tod bevölkern. Ein bevorzugtes Schmuckmotiv, das sich hieraus ableitet, ist die Fledermaus: ein "häßliches, gefährliches, blutsaugendes" Nachttier. Dieses irrationale Vorurteil ist durch ihre Verbindung mit den Mächten des Bösen begründet. Während die Punks ihr auch diskriminiertes Symboltier Ratte real bei sich tragen, haben die Grufties einen imaginären Zoo von Tieren auserkoren, die seit dem Mittelalter nach christlicher Definition aufgrund ihrer Farbe oder nächtlichen Lebensweise als Symboltiere des Bösen gelten. Dazu gehören vor allem die Spinnen - weil sich vor ihr viele Menschen ekeln, das Spinnennetz ist ein häufig auftretendes Ornament in den Kleidung -, außerdem Fliegen, Raben bzw. Krähen, Lurche, Eidechsen oder Salamander, Kröten, Eulen, Schlangen, Käfer... Die Symboltiere haben dabei die wichtige Bedeutung, umherschweifende Seelen verstorbener Menschen aufzunehmen. Damit benutzen die Grufties also ursprünglich religiöse Todessymbole und Zeichen für das Böse, in denen sich aber volkstümlicher Aberglaube bewahrt hat.

Zu den Phantasiewelten der Grufties gehören außerdem atmosphärisch aufgeladene Bilder von finsteren Schlössern, Burgen, Verliesen, Kerkern und nächtliche Szenarien, die in Nebel und Vollmond eingehüllt sind. Für die Ausmalung dieser nicht-alltäglichen Bildwelten bietet das WWW ideale Bedingungen. Es erlaubt als technisches Medium die Konstruktion virtuell-imaginären Welten ohne Bindung an die handfeste Realität. Dort können sich die oben beschriebenen phantastischen Gestalten der Vergangenheit ausbreiten.

An realen Räumen nutzen die Grufties vor allem "gothicmäßige", düstere Orten wie Friedhöfen und Ruinen. Das Motiv der Industrieruine, bei den Punks Zeichen für die Akzeptanz und Nutzung des urbanen Raumes, interessiert die Grufties nicht. Nur eine alte zerfallene Kirchenruine mit einem Friedhof in einer einsamen Landschaft, repräsentiert einen nicht definierbaren vergangenen Wert, der sich am Rande einer Konsumgesellschaft halten konnte. Die Aura von Verfall und Einsamkeit bringt ein starkes imaginäres Zugehörigkeitsgefühl zur Entstehungszeit des Gebäudes hervor. Die Ruine ist das Skelett eines Gebäudes und symbolisiert den Alterungsprozeß von Mensch und Gegenständen.

Die bevorzugten, Orte der "Schwarzen" sind durch Stille, Einsamkeit, Düsternis und den Tod geprägt. Besonders der aus dem sozialen Alltag der meisten Menschen herausgehobene Ort des Friedhofs, der gerade dadurch seine besondere Aura von Verbotenem und Geheimnisvollem erhält, wird von den Grufties zu ihrem alltäglichen Ort gemacht. Sie profitieren von der Berührungsscheu mit Tod und Vergänglichkeit. Im 20. Jh. suchen die meisten Menschen den Friedhof als Ort, wo die Nähe zum Tod am größten ist, nicht gern auf. Dies ist für die Grufties der entscheidende Grund sich dort aufzuhalten. Durch den alltäglichen Aufenthalt und ihr nicht personengebundenes Trauern, sie denken über die Geschichte der ihnen unbekannten Toten an deren Gräbern nach, beleben sie die traditionelle öffentliche Funktion des Friedhofs wieder.

Provokante Totentänze

Die Gothics sind eine retrospektive Jugendkultur. Der gesamte Stil ist eine komplexe, historisch orientierte Form der Bewältigung von Melancholie und Depression, die individuellen und kollektiven Tod (Schicksal der Menschheit, Apokalypse, Endzeit und Umweltzerstörung) zusammendenkt. Das Todesbild der Grufties enthält extreme und direkte Formen der Beschäftigung mit dem Tod, die vom Rest der Gesellschaft mit Unbehagen aufgenommen werden. Dies liegt an der partiellen Freisetzung und tendenziellen Enttabuisierung von Vorstellungen und Bildern des Todes. Die Grufties konstruieren in unterschiedlichen Medien Nischen, wo die archaisch anmutenden, überkommenen Symbole und Bilder zirkulieren können, z.B. die Gothic Bildergalerien des WWW. Dort werden die Mythen der Szene wiederholt. Der Wunsch nach einer immer präsenten Enzyklopedie, bzw. einer Genealogie der Bilder des Stils, kann umgesetzt werden. Die wichtigste Funktion der Gruftie-Homepages im Internet ist daher, neben der online Kommunikation, das Sammeln und Tauschen von Bildern und Symbolen des Todes. Repetition und Variantenbildung eines Basisrepertoires an Bildern (z.B. Gothic Image Database, Gothic/Images/index) erheben das Netz zum virtuellen Archiv des Stils. Es bewahrt die Geschichten (z.B. über den Gool) und die immateriellen Bild-Repräsentanzen der oben genannten außeralltäglichen Symbolik des Stils, damit sie der stilinternen Autopoeisis immer wieder zur Verfügung stehen.

Die Grufties schützen sich gegen die latente Faszination dieser Bilder und Vorstellungen des Todes durch eine sorgfältige Grenzziehung gegenüber einer realen Umsetzung nekrophiler Phantasien. Die dezidierte Auseinandersetzung mit Verfall und Auflösung von körperlicher Substanz findet auf der imaginären, zeichenhaften Ebene statt. Während Stilbildung in Jugendkulturen sonst als imaginäre Lösung realer Widersprüche im Reproduktionsprozeß gilt, geht es bei den Grufties um die symbolische Stilisierung von real erlebtem Verlust, Tod und Trauer. In der ästhetischen Antizipation des eigenen Todes und dem Ausleben von Trauer durch die Stilisierung zu einem Grenzgänger zwischen Leben und Tod, wird die Notwendigkeit des eigenen Todes in Form von Suizid suspendiert.

Die Grufties versuchen durch die symbolische Artikulation von Tod, Sterben und Trauer im Stil, die aufgrund der Kommunikation innerhalb der Szene entsteht, soziale Defizite der Gesellschaft aufzuheben. Sie verstehen sich als subkulturelle Elite, die als einzige gegen die soziale Verdrängung des Todes arbeitet, die sich in Sprachlosigkeit äußert. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts leistet ein Großteil der Gesellschaft die Bearbeitung der Endlichkeit menschlicher Existenz nicht mehr, weil die Angst vor dem Tod und der Wiederkehr der Toten übermächtig geworden ist, wovon gleich mehrere Filmgenres leben, z.B. die Vampir- oder Horrorfilme.

Die Gothics inszenieren einen subkulturellen Totentanz, indem sie den Begriff des Totentanzes seiner historischen Bedeutung entkleiden und ihn wörtlich nehmen. Sie sind die reale Erinnerung an den Tod, ein lebendiges und naturalistisches memento mori, das die altersbedingte zukünftige Metamorphose des Körpers ästhetisch und verbal vorwegnimmt.

Die Grufties sind eine der hervorstechendsten Subkulturen, weil sie mit ihren leichenblassen Gesichtern in einer Zeit in der ein sonnenstudiogebräunter Teint den Inbegriff von Gesundheit darstellt, gegen die Verdrängung von Alter und Tod arbeiten. Sie werden zum Schrecken einer totlosen Produkt- und Konsumkultur, die Sterben und körperlichen Verfall ghettoisiert, um das Leitbild der ewigen Jugend proklamieren zu können. Den Tod in den Mittelpunkt ihres Stils und ihres Lebens zu stellen wird zur Provokation, die eine Gesellschaft einer subkulturellen Gruppe von Jugendlichen nicht verzeihen kann. Die Jugend hat frisch und knackig auszusehen und nicht "tot" herumzulaufen. In einer Gesellschaft mit ständig wachsender durchschnittlicher Lebenserwartung ist die Beschäftigung mit dem Tod erst dann angemessen, wenn man ein gewisses Lebensalter erreicht hat.

Die Gothic erproben auf der Grundlage von Traditionen unterschiedlicher Epochen und Kulturkreise und Medien die Entwicklung eigener Rituale, um den Tod zu verarbeiten.Sie stehen für die außeralltäglichen Orte und die stilistischen Elemente, die Tod oder das Böse verkörpernd von einer vernunftorientierten Moderne ausgeschlossen werden.

Das gesellschaftlich Besondere, Abgehobene des Todes zum Alltag zu machen, ist eine Kritik an der sich verstärkende soziale Abwehr des Todes in der Moderne, d.h. am durchrationalisierten Alltag, in dem das Außergewöhnliche, das "extrem Fremde" (Sturm) des Todes nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zugelassen wird. Damit sind die Grufties eine Subkultur, die sich der Verantwortung des modernen Individuums, Rituale für den Umgang mit der Endlichkeit des Lebens zu schaffen, auf der ästhetischen Ebene stellt.



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